Es war der 19. Oktober 2025, als ich kurz entschlossen einen Ausflug mit einem Dampfer zum Rügener Königsstuhl unternahm. Eigentlich war es eine Reise wie aus dem Bilderbuch – bei bestem Wetter mit Sonnenschein, Möwengeschrei und malerischer Aussicht, welche jäh unterbrochen wurde, als das Schiff unvermittelt stoppte, der Motor verstummte und herzzerreißende Signaltöne die Stimmung zerschnitten. Es sei das regelmäßige Innehalten an den Koordinaten für Seebestattungen erklärte mir der Schiffsführer. Meine Gedanken waren sofort bei jenen lieben Menschen, die uns verlassen hatten und auch bei unserem guten Freund Rudolf Horn, denn ich wusste, dass Rudolf um sein Leben kämpfte. Am Morgen darauf bestätigte Christiane Jung: „Rudolf ist gestern gestorben. Ich war bei ihm. Steffi (Rudolfs Tochter) war kurz zuvor auch noch da. Er hat alles bewusst miterlebt.“
Vor meinem eignen Tod ist mir nicht bang,
Nur vor dem Tode derer, die mir nah sind.
Wie soll ich leben, wenn sie nicht mehr da sind?
Allein im Nebel tast ich todentlang
Und laß mich willig in das Dunkel treiben.
Das Gehen schmerzt nicht halb so wie das Bleiben.
Der weiß es wohl, dem gleiches widerfuhr;
– Und die es trugen, mögen mir vergeben.
Bedenkt: den eignen Tod, den stirbt man nur,
Doch mit dem Tod der andern muß man leben.
Wir eröffnen heute eine weitere Personalausstellung von Rudolf Horn, dem Maler und Zeichner, der eigentlich Formgestalter war. Seine Lebensleistung ist wahrlich einzigartig. Sein Tod bleibt ganz im Sinne der vorgetragenen Zeilen von Mascha Kaleko ein großer Verlust.
Am 24. Juni 1929 wurde Rudolf Horn in Waldheim geboren, wo er durch seine Mutter und Großmutter wohlbehütet aufwuchs. Beide unterstützten ihren Rudolf mit all ihrer Kraft und Liebe. Nach der Betrachtung von Familienfotos erinnerte sich Christiane Jung: „In dem Album, von seiner Mutter für ihn angelegt, nehme ich teil an Rudolfs Leben, sehe den aufwändig drapierten Kinderwagen mit dem einige Tage alten Sohn, das bürgerliche Milieu. Rudolf beim Bau einer Schneehütte, im Kreis der Familie, mal mit einer Katze auf dem Arm, mal mit einem Hund. Ich sehe den heranwachsenden Teenager, in der freien Natur, immer mit einer Staffelei unterwegs, und schließlich den jungen Mann auf dem Hochzeitsbild mit Gertraude. Es ist ein schönes junges Paar, glücklich in der Gewissheit, das ganze Leben noch vor sich zu haben.“
Zunächst erlernte Rudolf in Waldheim den Beruf des Möbeltischlers und absolvierte intensive bildkünstlerische Übungen bei den Malern Martin Gebhardt, Paul Busch und Alexander Neroslow. Einmal stellte Neroslow seinem Zögling die Schlüsselfrage „Für wen machst du das?“. Diese Frage wurde Rudolfs Leitsatz für sein ganzes Leben, für seine Studien der Innenarchitektur, Holztechnologie und Formgestaltung in Mittweida, Dresden und Halle, für seine intensive Arbeit als Formgestalter und Hochschullehrer.
„Für wen machst Du das?“
Prägend waren für Rudolf die durchlebten Erfahrungen der letzten Kriegstage im Jahr 1945 und seine Flucht aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft, in welche er noch als Kindersoldat geraten war. Picassos Friedenstaube wurde das Symbol seiner Jugend bis ins hohe Alter. So übernahm Rudolf Horn bereits zwischen den Zeiten seiner stetigen Ausbildung, welche er 1965 mit dem Diplom abschloss, verantwortungsvolle Tätigkeiten als Betriebsassistent im VEB Möbelwerke Heidenau, als Mitarbeiter des Ministeriums für Leichtindustrie der DDR und als Leiter des Büros für Entwicklung, Messen und Werbung in der Möbelindustrie.
Von 1966 an war Rudolf Horn Direktor des Instituts für Möbel- und Ausbaugestaltung der Hochschule für industrielle Formgestaltung in Halle. Dort war er ab 1968 zunächst als Dozent, ab 1971 bereits als Künstlerischer Professor und von 1978 bis zu seiner Emeritierung 1996 als Ordentlicher Professor tätig. Zudem war er Mitglied des Gestaltungskollektivs Wohnungsmodell. Von 1980 bis 1990 war Prof. Rudolf Horn Direktor der Sektion Produkt- und Umweltgestaltung im Bereich Wohn- und Gesellschaftsbau an der heutigen Burg Giebichenstein, Kunsthochschule Halle.
Wer Wohnungen für Menschen gestaltet, möchte dass Familien sich darin wohlfühlen können. Möchte, dass es Eltern und Kindern an nichts fehlt und sich ändernde Bedürfnisse leicht realisieren lassen. Unter den zahlreichen Einzelstücken und Möbelprogrammen, die Rudolf Horn entwarf, ist bis heute das MDW (Möbelprogramm Deutsche Werkstätten, Hellerau) in aller Munde. Es entstand in Zusammenarbeit mit Eberhard Wüstner und wurde nicht nur von Fachleuten, sondern vor allem von den Nutzern als Revolution verstanden. Wegen der klaren, funktionalen Gestaltung dieses Systems galt es zu Recht als Abkehr von bis dahin bekannten nicht modifizierbaren Einrichtungskonzepten einer wenig geliebten Vergangenheit, mit der man brechen wollte, um einen neuen Anfang wagen zu können. Das System wurde 1967 der Öffentlichkeit vorgestellt und über 24 Jahre in großen Stückzahlen (insgesamt rund 500.000 Exemplare) produziert, gilt somit als eines der erfolgreichsten Möbelprogramme Europas.
Mit seinem „Wohnexperiment Variables Wohnen“, startete Rudolf Horn in Rostock bereits 1970, um eine Fortsetzung seiner zukunftsorientierten Vision modernster Wohnkultur gemäß den jeweiligen Bedürfnissen umzusetzen. Es entstanden Wohnungen ohne Trennwände mit frei gestaltbaren Grundrissen, welche bis heute genutzt und beliebt sind.
In einer Mittagspause ging der junge Rudolf ins Grassimuseum, um sich eine Ausstellung anzusehen. Es war gerade keine Aufsicht im Raum, als er die Gelegenheit nutzte und Platz nahm auf dem bereits sehr berühmt gewordenen Freischwinger des Mies van der Rohe. Enttäuscht stellte er fest, dass da gar nichts schwingt, es ist ein starres Möbel. Er ging nach Hause, spannte einen Bogen Papier auf und zeichnete noch am gleichen Tag den Entwurf, der später medial als Konfer-Star in die Geschichte einging.
Für sein Schaffen als Formgestalter wurde Prof. Rudolf Horn mehrfach mit hochrangigen Anerkennungen und Auszeichnungen geehrt. Dazu zählen die Goldmedaille des Ministeriums für Kultur der DDR ebenso wie die sechs Goldmedaillen des Leipziger Messeamtes. Für sein MDW-Programm wurde ihm 1969 die Silbermedaille der Allunionsausstellung der UdSSR verliehen. Es folgten der Designpreis der DDR von 1983 und zwei Auszeichnungen für „Gutes Design“. 1989 erhielt Prof. Rudolf Horn den Nationalpreis der DDR. Den jüngst verliehenen Kunstpreis des Landes Sachsen-Anhalt hat er mit Genugtuung zur Kenntnis genommen, jedoch leider nicht mehr persönlich entgegennehmen können.
Wir alle kennen die Möbel von Rudolf Horn. Viele von uns schätzten ihn als Kollegen auf Augenhöhe und als Lehrer. Nur Wenige jedoch wussten zunächst, dass er seit früher Jugend auch Maler und Zeichner war. Eigentlich wollte er sogar Maler werden.
Von seiner Hand entstanden Bilder in zwei Dimensionen, als die eines Meisters, der sich als solcher bereits in drei Dimensionen ausgewiesen hatte. Die räumliche Erfahrung des Formgestalters kam dem bildenden Künstler wechselseitig entgegen. Man spürt den Raum in der Landschaft, der Architektur und will den Blumenstrauß greifen. Farben, Licht und Stofflichkeit tragen dazu bei. Die Bilder sind durchkomponiert und spannungsreich – sie sind zeitgenössisch, hochmodern und orientieren sich durchaus am Bewährten. Nicht selten befasste sich der Künstler mit einem Motiv mehrfach. Er schuf Varianten, in dem er Formen reduzierte und kompositorisch modifizierte. Es blieb stets spannend bei der Suche nach den Umsetzungen. Rudolf malte, was ihn bewegte. Das konnten auch gesellschaftliche Inhalte sein oder politische Themen. Rudolf zeichnete seine Kinder, portraitierte seine Mutter Helene, seine Ehefrau Gertraude und Christiane mit respektvollem Tiefgang und Herz. Seine jährlich geschaffenen Selbstportraits gewähren sehr persönliche Einblicke in seine jeweilige Gefühlswelt. Ein sehr frühes Selbstporträt Rudolf Horns, welches wir auch für die Einladungskarte und das Plakat zur Personalausstellung von 2024 verwendet hatten, stammt aus dem Jahr 1951. Was für ein Bild! Selbstbewusst und kernig, die Tabakpfeife im Mund und die Mütze verwegen, sieht uns der gerade einmal 22-jährige Tischlergeselle Rudolf direkt in die Augen, um offensichtlich zu sagen; „Na, komm doch Leben! Dich werde ich nutzen!“. Das hier, in dieser Ausstellung präsentierte Selbstportrait malte Rudolf Horn im Jahr 1985, also im Alter von 56 Jahren.
Christiane Jung stellte meiner Frau und mir Rudolf Horn 2013 anlässlich ihrer damals ersten Personalausstellung in unserer Galerie in Halle vor. Wir wurden Freunde für immerhin 12 Jahre Lebenszeit. Wir haben gemeinsam debattiert über Kunst und die Welt, gelacht und auch geweint. Christiane las aus ihren Texten. Unser Sohn rezitierte seine Gedichte. So genossen wir gemeinsam die Abende bei rotem Wein, auch mit den Erzählungen aus Rudolfs Leben, von den Paddeltouren, die er im selbstgebauten Boot bei Plau am See unternahm, von seinen Produktvorstellungen auf Messen, wie er heimlich den Sessel von Mies van der Rohe ausprobierte oder davon, wie Rudolf einen Flugzeugabsturz überstand. Rudolf nutzte jede freie Minute zum Malen und Zeichnen als wichtige Ergänzung zum beruflichen Alltag.
Noch wenige Wochen vor seinem Tod trafen wir uns erneut in Halle, alles schien wie immer, doch Rudolf, den ich bisher nur kraftvoll und heiter wahrgenommen hatte, war bereits geschwächt. Die Gespräche jedoch blieben davon unberührt, waren anregend. Doch alle ahnten wir – es war der Abschiedsbesuch mit herzlicher Umarmung. Tief gerührt sah ich dem fahrenden Auto mit Christiane und Rudolf hinterher.
Es ist gut zu wissen, dass der Nachlass des Formgestalters Rudolf Horn im Leipziger Grassi-Museum (das komplette Wohnzimmer) und im Dresdner Kunstgewerbemuseum (das komplette Arbeitszimmer) bewahrt bleibt und so einer breiten Öffentlichkeit zugänglich sein wird. Die Gegenstände beider Räume beinhalten nicht einfach die von Rudolf Horn entworfenen Möbel – es sind die Unikate der von Rudolf selbst gebauten Prototypen. Wesentliche Teile seines künstlerischen Nachlasses verbleiben auf Rudolfs Wunsch in Abstimmung mit Steffi Horn und Christiane Jung in unserer Galerie und werden nicht nur in dieser Gedenkausstellung gezeigt. Noch in dieser Woche habe ich Rudolfs Wohnung in der Nähe des Coppiplatzes in Leipzig gemeinsam mit Tochter Steffi, Enkeltochter Nina und dem jüngsten Spross der Familie, Urenkel Fritz, ein letztes Mal betreten. Hier hat Familie Horn seit kurz nach Kriegsende gelebt, haben alle ihr Zuhause gehabt, hat Rudolf selbst die Einrichtung gebaut und die Bilder an den Wänden gemalt. Hier ist Rudolf gestorben und unweit der Wohnung bei Gertraude, seiner geliebten Ehefrau nun auch beigesetzt.
Unser tiefes Mitgefühl gilt sowohl den Familien von Katja und Steffi als auch Christiane, die Rudolf ein wichtiger Partner war. Wir alle werden Rudolf Horn stets ehrend gedenken.
Thomas Zaglmaier
Halle (Saale), 10. Januar 2025
