Lieber Marco und liebe Familie Flierl, sehr geehrte Gäste, meine Damen und Herren,
wir sind heute Zeugen einer besonderen Begegnung. Wir feiern nicht nur die Vernissage einer Ausstellung, wir feiern ein Jahrhundert familiärer Kreativität. Wir stehen heute vor einem nicht unbedeutendem Ausschnitt des Lebenswerks von Ingeborg Flierl, die beinahe am 28. Januar ihren 100. Geburtstag gefeiert hätte, und wir stehen vor den kraftvollen Plastiken ihres Sohnes Marco Flierl.
Zwei Künstler, zwei Materialien, zwei Generationen – und doch verbindet sie ein unsichtbares Band, ein roter Faden, der mal aus weicher Wolle besteht und mal im glühenden Bronzeguss gehärtet wurde. Es ist das tiefe Verständnis für das Handwerk und die Suche nach der Ur-Form des Lebens.
Beginnen wir bei der „Grande Dame de Tapisserie“. Ingeborg Flierl, deren Weg in den 1940er Jahren paradoxerweise in der Landwirtschaft begann, hat diese Erdung nie verloren. Als sie sich der Webkunst zuwandte, tat sie dies mit einer Konsequenz, die heute selten geworden ist.
Über 200 Gobelins hat sie geschaffen – und jedes einzelne Werk ging durch ihre Hände. Vom Einfärben der Wolle bis zum letzten Knoten am Webstuhl. Prof. Ulrich Reimkasten nannte ihre Kunst „spätantik heidnisch“. Ihre Bildwelten sind bevölkert von Vögeln, Schlangen und Paaren – Wesen, die dem „unermesslich weit verzweigten Baum der Mythen“ entsprungen sind.
Inge Flierl hat den öffentlichen Raum Berlins geprägt wie kaum eine andere Textilkünstlerin. Ob im Palast der Republik oder mit dem monumentalen „Orpheus“-Triptychon im Schauspielhaus am Gendarmenmarkt: Ihre Werke verliehen der Architektur eine Seele, eine weiche Haptik und eine Farbigkeit, die direkt in unsere Seele transportiert wird. Sie hat gezeigt, dass Textilkunst nicht dekorativ ist, sondern existenziell.
Meine sehr verehrten Damen und Herren, die Bildwirkerei- wie wir sie heute hier sehen dürfen, ist wirklich wundervoll und erlesen. Sie zählt als solche in ihren Ursprüngen ähnlich wie die Weberei oder die Töpferei zu den ältesten Handwerkskünsten der Menschheit von Kleinasien bis Ägypten. Ihre Blütezeit erlebte die Bildwirkerei dann im Mittelalter und in der Renaissance. In den 1950er und 1960er Jahren bildete die Textilklasse der Burg Giebichenstein in Halle durchaus ein Zentrum der Textilgestaltung mit herausragenden Künstlerpersönlichkeiten, jedoch keineswegs mit Alleinstellungsmerkmal, denn die künstlerische Ausdrucksform inspirierte selbstverständlich auch anderen Ortes.
Und genau hier, im Atelier in Pankow, in dieser Atmosphäre aus Wolle und Gestaltungswillen, wuchs Marco Flierl auf. Es ist kein Wunder, dass er diesen Weg weiterführte, wenn auch in einem völlig anderen Material.
Marcos Weg war der Weg des Metalls. Geprägt durch seine Lehre als Ziseleur und das Studium in Weißensee, fand er seine Mentoren in den Großen der deutschen Bildhauerei. Besonders Werner Stötzer und Wilfried Fitzenreiter förderten seine Begabung. Von Stötzer lernte er jene innere Spannung der Form, jene Würde und Schwere, die wir heute in seinen Bronzen bewundern können.
Marco ist, wie seine Mutter, ein absoluter Verfechter der Einheit von Geist und Hand. Er denkt seine Plastiken vom glühenden Guss aus. Er ist Bildhauer und Gießer in Personalunion. Ob es die humorvollen Kleinplastiken wie „Little Man’s World“ sind oder seine neuen, kubistisch aufgelösten Großplastiken wie die „Pantera“ – Marco beherrscht die Alchemie der Oberfläche. Er experimentiert mit Patinierungen, um der Bronze Farbtöne und Strukturen abzugewinnen, die fast malerisch wirken.
Was verbindet Mutter und Sohn in dieser Ausstellung?
- Das Handwerk als Ethos: Beide verabscheuen das Ungefähre. Für beide ist die technische Vollendung – sei es am Webstuhl oder am Schmelzofen – die Voraussetzung für die künstlerische Freiheit.
- Die Natur und der Mythos: Während Inge die Mythen in die Fläche webte, goss Marco sie Raum bildend. Seine 3,60 Meter hohe Bronzetür für die Schlosskirche in Wittenberg steht in derselben Tradition der baugebundenen Kunst, die seine Mutter im Berlin der Nachkriegszeit mitbegründete.
- Die Internationalität: Von der Uckermark bis nach Santiago de Cuba – der Geist der Flierls war nie provinziell. Das Projekt „El Vuelo de Bronce“, der „Flug der Bronze“, den Marco initiierte, ist die Fortführung jener Offenheit, mit der Ingeborg Flierl ihre Werke in die Welt sandte.
Es ist ein schönes Zeichen, dass wir heute in einer Zeit der Vereinzelung eine Familie erleben, in der die Kunst das tragende Fundament ist. Inge und ihr Mann Peter Flierl schufen ein Biotop, in dem alle vier Kinder zu Künstlern heranreiften. Marco steht hier stellvertretend für eine Dynastie, die zeigt: Kreativität ist vererbbar, wenn sie mit Fleiß und Leidenschaft gepaart wird. So erinnere ich mich auch mit Freude an Ingeborg Hunzinger und ihre Familie, Familie Rammelt-Hadelich oder die Möhwalds.
Ingeborg Flierl hielt Kontakt zum Baum der Mythen. Marco Flierl gibt diesen Mythen ein Gewicht und eine Oberfläche, die wir berühren wollen.
Ich lade Sie ein, diesen Dialog zwischen Wolle und Bronze, zwischen Fläche und Raum, zwischen Mutter und Sohn zu genießen. Lassen Sie sich von der Wärme der Wandteppiche umfangen und von der edlen Schönheit der Bronzen herausfordern.
Unsere Gedanken sind bei Ingeborg Flierl anlässlich ihres 100. Geburtstages und danken mit Respekt Marco Flierl für die Fortführung und Erneuerung dieser großen künstlerischen Tradition. Herzlichen Dank an alle, die bei der Planung und dem Aufbau der Ausstellung geholfen haben. Danke an Theresa Flierl für das Konzept und an meine Tochter Luise für die Umsetzung dessen. Ich danke Ihnen, liebe Freunde der Kunst für Ihr Interesse und Ihre Aufmerksamkeit und wünsche Ihnen weiterhin einen angenehmen Nachmittag.
Die Ausstellung ist eröffnet!
Thomas Zaglmaier
Halle (Saale), 14.03.2026