Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Kunstfreundinnen und Kunstfreunde, liebe Familie Dietzel und Weggefährten,
herzlich willkommen zur heutigen Eröffnungsstellung unserer Gemeinschaftsausstellung, die dem Leben, dem Werk und dem gemeinsamen Erbe eines außergewöhnlichen Halleschen Künstlerehepaars gewidmet ist: Elsa und Theo Dietzel.
Wenn wir heute in diesem Raum zusammenkommen, umgeben von den Werken zweier Menschen, die über ein halbes Jahrhundert lang nicht nur ihr Leben, sondern auch ihre künstlerische Leidenschaft miteinander teilten, blicken wir auf weit mehr als nur ein Stück Hallesche Kunstgeschichte. Wir blicken auf zwei Künstler, die sich ergänzten, die einander bereicherten und die dennoch stets ihre ganz eigene, charakteristische Bildsprache bewahrten.
Theo Dietzel: Der feine Strich und der schelmische Blick
Theo Dietzel, tatsächlich heute vor 100 Jahren in Weißenfels geboren, trug die Liebe zur genauen Beobachtung seiner Umwelt vielleicht schon durch seine frühe Ausbildung zum technischen Zeichner in sich. Doch sein Weg führte ihn nach den Kriegswirren an die traditionsreiche Kunsthochschule Burg Giebichenstein in Halle sowie an die Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig. Unter großen Meistern wie Charles Crodel, Erwin Hahs, Herbert Stockmann, Herbert Post und Elisabeth Voigt formte er seine meisterhafte Technik.
Ab 1952 als freischaffender Künstler in Halle tätig, prägte Theo Dietzel das Gesicht und das Gedächtnis dieser Stadt wie wenige andere. Viele von Ihnen erinnern sich gewiss an seine Zeichnungen in der Freiheit oder der Mitteldeutschen Zeitung, für die er bis 1993 als Pressezeichner tätig war. Doch sein eigentliches künstlerisches Herz schlug in den zumeist kleinformatigen, filigranen Radierungen und Linolschnitten.
Mit ungeheurer Präzision hielt er die Architektur Halles fest. Doch es war nie bloße Abbildung: Der Kunsthistoriker Hans-Georg Sehrt bescheinigte ihm treffend eine „ausgeprägte Fähigkeit zu karikaturhafter und schelmischer Darstellung“. Ob in seinen Illustrationen, seinen späten Ölpastellen oder jener wunderbaren Folge von Radierungen zu Goethes „Italienischer Reise“ – Theo Dietzel beobachtete die Welt mit einem feinen Strich, viel Humor und tiefer Menschenkenntnis.
Elsa Dietzel: Die Liebe zu Farbe, Natur und Heimat
Auf eben jener Burg Giebichenstein begann auch die künstlerische Reise von Elsa Dietzel, geborene Teplitz-Schönau im Jahr 1931. Als Vertriebene nach dem Zweiten Weltkrieg in die Region gekommen, überzeugte ihr Talent die Lehrenden so sehr, dass sie 1946 – als Jüngste und ganz ohne Aufnahmeprüfung – an der Kunstschule aufgenommen wurde.
Nach dem Studium und einer ersten Tätigkeit als Plakatmalerin stellte Elsa Dietzel ihre eigene künstlerische Arbeit zunächst zurück, um sich der Erziehung der vier gemeinsamen Kinder zu widmen. Erst ab 1969 trat sie wieder als freischaffende Malerin an die Öffentlichkeit – und was für ein kraftvolles Comeback das war!
Wo Theo den filigranen Strich und die feine Graphik pflegte, da suchte Elsa die kräftigen Farben und die klaren Strukturen der Natur. Die Journalistin Katja Pausch hat ihr Schaffen einmal treffend zusammengefasst: „Elsa Dietzel liebt kräftige Farben, klare Strukturen, die Natur. Freundliche Stillleben, weite Landschaften, Städtebilder, ein Feldrain – ihre Motive findet sie zumeist in der näheren Umgebung: Ansichten von Lettin, Merseburg, Weißenfels, Halle.“
Blickt man auf Werke wie den „Vorfrühling im Wörlitzer Park“ oder die „Dreizehnbogen-Brücke in Weißenfels“, spürt man die tiefe Verbundenheit mit der mitteldeutschen Kulturlandschaft und eine ungebrochene Lebensfreude, die sich in jedem Pinselstrich manifestiert.
Ein gemeinsamer Weg: „Zwei Leben – eine Kunst“
Die deutsche Wiedervereinigung eröffnete den beiden Künstlern im fortgeschrittenen Alter noch einmal ganz neue Horizonte. Gemeinsam unternahmen Elsa und Theo Dietzel Reisen ins Ausland, folgten unter anderem den Spuren Goethes durch Italien und hielten ihre Impressionen in zahlreichen Arbeiten fest.
Ob in der Foyergalerie des Opernhauses 1996 unter dem Titel „Zwei Leben“, in Leuna, in der gemeinsamen Ausstellung 2020 in unserer Galerie – die Ausstellungen des Ehepaars waren stets ein Fest der Dialoge zwischen Grafik und Malerei, zwischen feiner Ironie und farbgewaltiger Landschaftsliebe.
Nachdem Theo Dietzel im Mai 2014 von uns ging und seine letzte Ruhe auf dem Friedhof in Lettin fand, verstarb im August vergangenen Jahres auch Elsa Dietzel im hohen Alter von 94 Jahren. Mit ihrem Heimgang schloss sich der Kreis eines erfüllten Künstlerlebens.
Die Ausstellung
Die heutige Gedächtnisausstellung lädt Sie ein, in das Schaffen zweier Persönlichkeiten einzutauchen, die Halle und die Region über Jahrzehnte hinweg mitgestaltet und künstlerisch bereichert haben. Sie zeigt uns, wie zwei Menschen Seite an Seite ihre eigene Kunst entfalten konnten – getragen von gegenseitigem Respekt, Liebe und dem gemeinsamen Blick auf die Schönheit der Welt.
Ich danke der Familie Dietzel, den Organisatorinnen und Organisatoren sowie allen Helfern, die diese repräsentative Schau möglich gemacht haben.
Ich erkläre die Ausstellung hiermit für eröffnet und wünsche Ihnen allen anregende Gespräche, neue Entdeckungen und Freude beim Betrachten der Werke von Elsa und Theo Dietzel. Lassen Sie uns im Anschluss gerne auch das Glas auf den heutigen 100. Geburtstag von Theo Dietzel erheben und dem 1. Todestag von Elsa Dietzel gedenken.
Vielen Dank.
Thomas Zaglmaier Halle (Saale), 29.08.2026